Bischof Emil Stehle (Quelle: Wikipedia)Bischof E. Stehle am 1.5.1988
Predigt in St. Johannes-Baptist Neheim

Selig die Frieden fertigen,
sie werden Kinder Gottes genannt werden. (Mt. 5,9)

In der Geschichte des Volkes Gottes, sowohl im Alten als auch im Neuen Bund, hat es gegeben und gibt es auch heute noch eine beträchtliche Schar erstaunenswerter und leuchtender Gestalten. Persönlichkeiten des Glaubens, Träger der Hoffnung, Brücken der Güte, die sich im Konzept der Religionen der welt sehen lassen können und nur schwerlich zu übertreffen sind.

Eines dieser hellen Gestirne in der Nacht ist Abbé Franz Stock aus Neheim-Hüsten dessen 40. Todestag für das Leben in Gott wir heute begehen; er ist sowohl Deutschland und näherhin diesem ostwestfälischen Raum, der ihn hervorbrachte, als auch dem Brudervolk der Franzosen, unter denen er in der Nächstenliebe groß und in der Hingabe vollendet wurde, zuzurechnen.

Ich war in zwei entsagungsreichen, extrem harten Jahren sein Famulus; eben in jenen Jahren der ersten Nachkriegszeit, in der Abbé Stock sich deurtscher Kriegsgefangener Priesteramtskandidaten in hungervollen französischen Lagern wegen der Freiheit und vieler sonstiger Güter freiwillig entgab. Ich, der Franz Stock in dieser Zeit von nahem und von innen her begegnete, zögerte auch im Zurechnen menschlicher Schwächen nicht, über diesen Zeugen der Lauterkeit zwei abstrichlos zutreffende Worte der Bergpredigt Jesu (Mathäus, Kapitel 5) zu schreiben:

Das erste: "Selig, die barmherzig sind; sie werden erbarmen finden." Als man ihm fluchte, fluchte er nicht; in seiner Frömmigkeit hat er verschlossene Türen geöffnet, in seiner Güte hat er Verzweifelte ermutigt, und in seiner Unbeirrbarkeit hat er Gestrauchelte aufgerichtet.

Und das Zweite: "Selig, die den Frieden fertigen; sie werden Kinder Gottes genannt werden." Abbé Stock ist das Werk des Friedens nicht leicht und süß in den Schoß gefallen; er mußte um den Frieden Kämpfen, leiden und sein Leben geben.

In der Geschichte des Volkes Gottes, uns wiederum sowohl im Alten als auch im Neuen Bund, existieren – dem Herrn sei es geklagt – nicht nur diese Heiden und Heiligen. Im Bereich der Durchdringung der Zeit und der Prägung der Systeme mit den werten der Wahrheit sind reichlich Fehlanzeigen, verpaßte Gelegenheiten, ja sogar die Ausgeburt des Bösen anzumelden. Christus hat von ihnen gewußt, er hat sie an sich erfahren, sie für den Lauf der Geschichte vorausgesagt und uns – wir sind ja die unmittelbar Betroffenen – intensiv gemahnt, nicht vergeßlicher Hörer des Wortes Gottes, sondern seine treuen Nachfolger zu sein.

Eine solche düster-dunkle, ja grausige und grausame Epoche des Abendlandes ist die eines frevelhaft totalitären, sich selbst tausendjährig nennenden Reiches. Viele von uns haben sie unmittelbar miterlebt, miterlitten und einige vielleicht auch fehlerhaft mitgestaltet. Zeiten der Neuauflage Babylons, des "Auftretens des Tieres der Bosheit", und "der Herrschaft des Antichristus" könnte man sie mit den Formeln der Apokalypse bezeichnen.

Derjenige, der in dieser verworrenen und in Millionen mörderischen Zeit Abbé Franz Stock als dem Diener der Freundschaft unter den Völkern, dem Auslandsseelsorger in Frankreich, dem Mittler des Friedens im Streit der Brüder, dem Tröster der in den Gefängnissen von Paris unschuldig Hingeschlachteten den Zutritt zu seiner Diözese und die Errichtung seines Stacheldrahtseminars im Schatten, besser gesagt, im Licht der Kathedrale von Chartres erlaubte, war der verehrungswerte und im wahren Sinn des Wortes hochwürdige Monseigneur Graf Raoul Harscouet, Oberhirte von Chartres von 1926 bis 1954, Vorgänger des hier gegenwärtigen Monseigneur Michel Kuehn, und väterlicher Freund des hier ebenfalls anwesenden Chanoine Pierre Andrè.

Ich trage den Ring des 1954 verstorbenen Bischofs. Ein Ring, der mir ein Vermächtnis ist und den ich als einzigen materiellen Reichtum meines Lebens betrachte, der mir bei einem Diebstahl in Ecuador eine Zeit lang abhanden gekommen war und den ich fast wie ein Wunder wiedererlangte. Ich habe ihn im Juni 1985, als sich die Alliierten zur Feier der 40 Jahre des Sieges über den Nazismus in der Normandie versammelten, im Pontifikalamt der Kathedrale von Bayeux vorgewiesen mit den Worten, die Monsigneur Harscouet 1945 uns, den deutschen Theologen in Gefangenschaft, im Aufzeigen seines Rings sagte und mit denen ich diese Betrachtung der Erbarmung des Menschen über den Menschen, der Versöhnung der Völker und des Arbeitens für den Frieden beschließen möchte:

"Niemand", - so Monsigneur Harscouet – "liebt das Kreuz, auch der Herr nicht. Gott hat es nicht geschaffen; es kommt aus der Verführung des Menschen, ihrer Verwirrung und Sünde. Der Herr hat im Garten Getsemani vor diesem Kreuz gezittert; Blut der Angst ist ihm aus den Poren getreten, und wie ein zu Boden Fallender hat er zu Gott geschrien: "Vater, laß wenn es möglich ist, diesen Kelch an mir vorüber gehen." Und er hat seine schläfrigen Jünger – sind das nicht auch wir? – um Hilfe gebeten. "Meine Seele ist bis in den Tod erschreckt; wollt ihr nicht in dieser Stunde mit mir wachen und beten?"

"Auch Ihr", so fuhr der französische Bischof weiter, "tragt jetzt als Gefangene ein schweres Kreuz, ihr seit in tausend Ängsten, und die Versuchung überkommt Euch, Euren Feinden und Verfolgern zu fluchen, statt für sie und mit ihnen zu beten; flucht Ihr aber, statt im Geist zu erstarken, zu kämpfen und zu beten, dann werden unsere Brüdervölker in 10 oder 20 Jahren erneut zu den Waffen greifen, und wieder wird es Krieg, Unrecht und massenhaften Totschlag geben.

Aber seht, dieser Ring, den ich im Dienst des Hirten dieser Diözese trage, besteht nicht nur aus dem markanten Kreuz; der Ring ist gülden und mit weißen und gelben Diamanten durchsetzt. Christus, der um unseres Heiles willen gehorsam wurde bis zum Tod am Kreuz, hat seinen Frieden nicht vom Kreuz herab geflucht; er hat sie nicht vorschnell verdammt; er hat Entschuldigungen für sie gesucht und für sie gebetet. Vater, vergib ihnen, denn sie wissen ja nicht, was sie tun. Er hat den Haß überwunden und die Liebe grundgelegt.

Und so ist, was dieses Gold und diese Edelsteine sagen wollen, Christus weder die Niederungen menschlicher Schwächen eingestiegen, noch ist er am Kreuz und den Tod verblieben; er hat die Versuchungen durchgestanden und ist zum Leben zurückgekehrt; um seiner Treue, Liebe und Hingabe willen hat ihn der Vater aus dem Grab erweckt, ihn zu seiner Rechten erhöht und die Welt mit sich versöhnt."

Und da wir wie die Jünger Jesu von dieser so wichtigen Sache nur schwer von Begriff sind, wiederholte der französische Bischof wie auch seine Worte. Beschwörend sagte er zu uns 500 deutschen kriegsgefangenen Theologiestudenten: " Und wenn Ihr hier wie Euer Seminarregens Franz Stock Haß und Feindschaft überwindet, Erbarmen schafft und anfangt, mit uns überall für die Verständigung und Versöhnung zu arbeiten, dann wird auch euer jetziges Kreuz sich nicht nur zu einem noch viel köstlicheren Gold und zu noch edleren Steinen als die dieses Ringes verwandeln, sondern unseren Völkern wird ein ganzes Jahrhundert des Friedens zuteil werden. Euch werden die Augen aufgehen und Ihr werdet erkennen, daß wir Brüder und Schwestern sind. Und Ihr werdet in gleicher Weise Christen und Heiden in den nötigsten aller Geheimnisse stärken, nämlich: in dem Glauben und Wissen, daß Gott ein Gott der Liebe ist und wir als seine Söhne und Töchter nichts Besseres und nichts Größeres in dieser Welt tun können, als ihn und uns untereinander von ganzen Herzen zu Lieben."