Dieter LanzAm 1. März 1998 wurden in der Kathedrale von Chartres die Feierlichkeiten zum 50. Todestag dieses deutschen Priesters begangen. Das Pontifikalamt wurde vom Erzbischof von Paris, Kardinal Lustiger, zusammen mit vielen französischen und deutschen Bischöfen gefeiert.

Bundeskanzler Helmut Kohl, der zuvor ein Kranzgebinde am Grabe Stocks in der Kirche Saint Jean Baptiste niedergelegt hatte, war anwesend in Begleitung von Monsieur Monory, Präsident des Senats und damit zweiter Mann des französischen Staates. Die Kathedrale war voll gefüllt mit Gläubigen, darunter auch etwa 300 Deutschen.

Grabstätte von Franz StockWas hat die französische Kirche bewogen, diesen Tag für einen Deutschen mit einem solchen Aufwand zu begehen? Wer war dieser Abbé Franz Stock? Die Franzosen haben ihm bald nach seinem Tode den Beinamen "L'Aumonier de l'Enfer" - "Seelsorger der Hölle" gegeben.

Franz Stock wurde 1904 als erstes Kind einer Arbeiterfamilie in Neheim im nördlichen Sauerland geboren. In seiner Schulzeit und in den Jugendjahren beschäftigte ihn vor allem der Gedanke an den Frieden. So war er 1926 auf dem Friedentreffen "Friede durch die Jugend" in Bierville bei Paris. Es war die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, wo von französischer wie von deutscher Seite intensive Bemühungen um eine Aussöhung angestrebt wurden, wo aber auch andererseits die Konfrontation zunahm und 1933 mit der Machtergreifung Hitlers eine Richtung eingeschlagen wurde, die für Deutschland und auch für Europa mit einer Katastrophe enden sollte.

1932 wurde Franz Stock in Paderborn zum Priester geweiht. 1934 wurde er zum Rektor der Deutschen Gemeinde in Paris ernannt. Aber erst 1940, also ein Jahr nach dem Kriegsausbruch Frankreich durch deutsche Truppen besetzt wurde, begann für Abbé Stock die eigentliche Aufgabe, für die ihn die Vorsehung Gottes ausgewählt hatte.

In Frankreich hatte sich nach dem Aufruf de Gaulles über den Londener Rundfunk am 18. Juni 1940 der Widerstand, die Resistance, gegen die deutsche Besatzungsmacht formiert. Die Pariser Gefängnisse füllten sich mit Widerstandkämpfern, später auch mit Geiseln. Man schätzt, daß allein im Gefängnis Fresnes von 1940 - 1944 etwa 11.000 Franzosen inhaftiert waren. Keinem französischem Priester war der Zutritt gestattet. Allein Franz Stock wurde von der Militärbehörde beauftragt, die Gefangenen zu betreuen. Gelegentlich wurde er von anderen deutschen Militärgeistlichen unterstützt. Im Grunde aber war er allein. So fand man ihn fast täglich in diesen Mauern des Schweigens, des Terrors und der Folter. Fresnes sollte bald den Beinamen "Vorzimmer des Todes", "Filiale der Hölle", bekommen. Der General Cosse-Brissac, Inhaftierter von Fresnes, bekennt: "Seinetwegen habe ich alle vergessen, die mich verfolgt haben. Seinetwegen habe ich mir oft geschworen, alles zu tun, um eine aufrichtige Aussöhnung der beiden Völker Deutschland und Frankreich unter dem Zeichen Christi herbeizuführen."

Aber eine noch größere Belastung war für Abbé Stock die Betreuung der zum Tode verurteilten Franzosen und die Begleitung zur Hinrichtungstätte auf dem Festungsgelände des Mont Valerien in Suresnes, im westlichen Einzugsbereich von Paris. Franz Stock erwähnt in seinem Tagebuch 863 Erschießungen mit Namen. Nach eigenen Angaben hat er aber mehr als 2000 Verurteilten auf der Erschießungsstäte beigestanden. Die Tafel auf dem Mont Valerien nennt die Zahl von 4500. Abbé Stock erwähnte gegenüber dem Paderborner Erzbischof Jäger: "Was ich hier erlebe,ist so furchtbar, daß oft nächtelang schlaflos liege." Beispielhaft ist der Tod des Grafen von Estienne d Orves, der vor seiner Erschießung den deutschen Kriegsrichter Keyser umarmte und ihm sagt, daß sie beide, als französischer und als deutscher Offizier, ihre Pflicht getan hätten.

Hier wird die Verstrickung deutlich, in die viele Menschen dieser Zeit oft hineingestellt waren. Und wenn man über diese Zeit intensiver nachdenkt, dann wird man feststellen müssen, daß ein solches Ausmaß an menschlicher Brutalität und Bestialität auf eine Verführbarkeit des Menschen durch widergöttliche Kräfte hinweißt, die wir zwar in ihren Wirkungen erfahren, in Ihrem Seinsgrund aber mit den Mitteln unseres Verstandes nicht begreifen können. So hatte die Oberin des Augustinerinnen-Klosters Malestroit in der Bretagne, Yvonne Beauvis, 1922 in einem Traumgesicht den 2. Weltkrieg vorausgesehen und darin den Einbruch dämonischer Kräfte auf Europa. Anna Katharina vom Emmerich (1774-1824) sagte ähnliches in Ihrer Vision von der Hölle. Elisabeth zu Guteenberg, Mutter des Staatssekretärs Karl Theodor zu Guttenberg, eines Beraters Adenauers, beschreibt eine Szene auf dem Reichsparteitag 1936 in Nürnberg, wo sie Hitler auf der Ehrentribüne genau beobachten konnte: "Fraglos war es eine dämonische Kraft, die aus dieser Stimme sprach. Mir wurde an diesem Tage bewußt, daß Hitler besessen sein mußte, daß seine Macht die Macht eines anderen war, daß die hypnotische Anziehungskraft, die er auf Menschen ausübte, die Mcht des Bösen war."

Als im August 1944 die Amerikaner und Franzosen Paris einnahmen, wurde Abbé Stock Gefangener der Amerikaner und bald in das Gefangenenlager Cherbourg transportiert. Hier wurde ihm von Abbé Rodhain und Abbé Le Meur von der Secours Catholique die Bitte vorgetragen, die Leitung eines Seminars für kriegsgefangene deutsche Theologen als Regens zu übernehmen. Er sagte dies zu. Dieses "Stacheldraht-Seminar" war zunächst in Orleans untergebracht, wurde dann aber nach Chartres verlegt. Stock leitete es von 1945 bis 1947, bis es im Juni 1947 aufgelöst wurde. Mehr als 900 gefangene Theologen hatten hier die Möglichkeit, ihre Studien fortzusetzen oder zu beginnen.

Nuntius Roncalli, der spätere Papst Johannes XXIII, hatte dieses Seminar vier mal besucht. Bei einem seiner Besuche sagte er: "Das Seminar von Chartres gereicht sowohl Frankreich wie Deutschland zur Ehre. Es ist sehr wohl geeignet, zum Zeichen der Verständigung und der Versöhnung zu werden." Und es ist sicherlich kein Zufall, sondern Fügung Gottes, daß dieses Seminar im Schatten der weltberühmten Kathedrale von Chartres stand, diesem Kleinod des Christentums, das in unübertrefflicher Weise die Lehraussage der Kirche verdichtet zum Ausdruck bringt. Reinhold Schneider hatte in seinem Sonett "Abschied von Chartes", das an die Seminaristen gerichtet war, betont "Der heilige Raum, dem alle anvertraut, erwählte Euch zum ragenden Portale." Hinweis darauf, daß hier ein Zentrum europäischer Spiritualität ist, und daß Europa erst dann seine volle Identität wiedergefunden hat, wenn es diese christliche Spiritualität wieder entfaltet.

Abbé Stock blieb nach Auflösung des Seminars in Frankreich zurück und starb plötzlich und unerwartet am 28. Februar 1948, keine 44 Jahre alt, im Pariser Hospital Cochin. Seine Beerdigung war als kläglich. Nur ein knappes Dutzend Leute folgten seinem Sarg zum Friedhof Thiais in Paris.

Erst langsam brach sich die Anerkennung seines Wirkens Bahn. 1949 fand die erste öffentliche Gedenkfeier im Invalidendom zu Paris statt. 1951 wurde er umgebettet, und die Familien der Inhaftierten und Erschossenen stifteten den Grabstein mit der Inschrift "PAX". 1963 war ein entscheidendes Jahr. Genau in den Tagen, als die französische Nationalversammlung den deutsch-französischen Aussöhungsvertrag billigte, den Adenauer und de Gaulle am 22. Januar 1963 geschlossen hatten, wurde Abbé Stock von Paris nach Chartres in die neuerbaute Kirche Saint Jean Baptiste umgebettet. Auf dem Totenbette hatte Papst Johannes XXIII das Telegramm für diese Feierstunde unterzeichnet- wie ein Vermächtnis. 1990 wurde der Platz vor dem großen Mahnmal auf der Erschießungsstätte des Mont Valerien, dem "Memorial de la France Combattante" nach Abbé Franz Stock benannt, "Place de l'Abbé Franz Stock". Es ist mehr als bemerkenswert, daß dieser Ort, wo Franzosen so viel durch Deutsche erlitten haben, nach einem Deutschen benannt wurde. In der spannungsreichen deutsch-französischen Geschichte hat es keine Zeit gegeben, wo die Kluft zwischen unseren beiden Völkern größer war, als zur Zeit der Besatzung während des 2. Weltkrieges, und diese Kluft war am greifbarsten hier auf dem Mont Valerien. Und paradoxerweise liegen hier die Wurzeln der deutsch-französischen Aussöhnung und Freundschaft. Aus Frankreich erhielt ich 1992 folgenden Text:

"Von hier (von der Kapelle auf dem Mont Valerien) hat Abbé Franz Stock, deutscher Priester, die zum Tode verurteilten Franzosen bis zum Pfahl begleitet. Er bezeugt vor der Geschichte, daß hier die Wurzeln der deutsch-französischen Aussöhnung und die Fundamente der europäischen Einigung sind".

In diesem Text wird auch die Aussage des Kanonikus Pierre Andre, des Sekretärs des Bischofs Harscouet von Chartres, bestätigt "Der Mont Valerien und das Seminar von Chartres sind die beiden Fundamente der deutsch-französischen Aussöhnung." Diese Aussöhnung hat Modelcharakter, und sie ist die Voraussetzung gewesen für die weitere Entwicklung der europäischen Einigung.

Man hat oft vom Wunder der deutsch-französischen Aussöhnung gesprochen, und es war nach Ende des Krieges, als all die Greueltaten der Nazis bekannt wurden, kaum vorstellbar, daß irgendwie eine Annäherung zustande kommen könnte. Aber das Wirken des Abbé Franz Stock hat entscheidend mit dazu beigetragen, daß die Kluft zwischen unseren Völkern überbrückt wurde. Es kann nicht genug betont werden- und es ist auch wenig bekannt- daß es Männer der Kirche waren, die die ersten entscheidenden Weichenstellungen für eine Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland gemacht haben und dadurch die Voraussetzungen für die europäische Einigung schufen. Die Politiker haben erst später die Entwicklung weitergeführt.

Wenn man von heute aus auf die 50 Jahre der Nachkriegsgeschichte zurückblickt, dann erkennt man, wen man genauer hinsieht und die Hintergründe der Entwicklung kennt, das Wirken der Vorsehung Gottes, der die Dinge vom Bösen zum Guten gelenkt hat. Und es werden die Aussagen der Oberin Yvonne Beauvais aus ihrem Traumgesicht bestätigt, als sie am Schluß sagt: "Dann kam eine Zeit, die ich nicht zu enträtseln vermochte. Nach allem sah ich ein leuchtendes und die Welt befriedendes Frankreich."

Literatur:
Dieter Lanz: Abbé Franz Stock. Kein Name - ein Programm. Bonifatius. Paderborn 1997
Rene Closset: Franz Stock, Aumonier de 1'Enfer, Fayard, Paris 1992
Raymond Loonbeck: Franz Stock. La fratenite universelle. Desclee de Brouwer, Paris 1992