Franz-Stock-Komitee für Deutschland e.V.

 

Franz-Stock-Denkmal an der St.-Johannes-Kirche Neheim

Das im September 1965 an der St.-Johannes-Kirche von dem Bildhauer Josef Rikus errichtete Franz-Stock-Denkmal wurde durch den Bischof Michon aus Chartres eingeweiht. Es deutet ein Gefängnis an und einen Engel, der von oben her seine rettende Hand ausstreckt. Die Aufschrift auf dem Denkmal lautet: "Franz Stock, Priester Christi, Bote des Friedens, Zeuge göttlicher Liebe in einer Welt voller Hass."

Das Denkmal – Versuch einer Deutung

Es wäre verwunderlich, wollten bei der ersten Begegnung mit dem Denkmal Ratlosigkeit und Erschrecken ausbleiben. Seine Fremdheit ist zur groß, um nicht provozierend zu wirken. Zu vielen Fragen werden wach, die eine Antwort verlangen. Aber die Antwort findet nur, wer sich den Fragen stellt und die Ratlosigkeit geduldig aushält. Ohne gleich ein Urteil zu fällen, muss man bereit sein, auf diese zunächst fremde Sprache zu hören. Dann wird der Klang ihrer Worte vertrauter, und sie offenbart ihren geheimen Sinn, Gleichnis für das Leben eines Menschen zu sein.

Franz Stock ist selbst in seiner engeren Heimat fast ein Unbekannter geblieben. Die Kraft, die sein Leben bewegte, müsste uns so treffen, dass sie unser Denken und Tun tiefer ergreift und ihm Antrieb und Richtung wird. Vielleicht vermag das die Sprache des Denkmals.

Das „Franz-Stock-Komitee“ umschrieb den Auftrag an den Bildhauer mit dem Wort Joseph Folliets: „Franz Stock war ein Erzengel im Inferno“, ein Bote Gottes in der Hölle wie der Engel, der die drei Jünglinge im Feuerofen beschützte.

Josef Rikus, Schüler der Bildhauer Senge-Platten (Siedlinghausen) und Karl Knappe (München) versteht die Aufgabe der Kunst wie der Dichter Konrad Weiß: „Und doch liegt das Wesen der Kunst nicht in der Naturdarstellung, sondern in der Formgebung, in der Darstellung seelischen Gehaltes. Freilich schließt auch die Naturdarstellung seelischen Gehalt ein, aber hier bleibt er immer zu sehr an das Natürliche, Gegenständliche gebunden, unfrei.“ Der Künstler hat also nicht das Sichtbare wiederzugeben, sondern eine geistige Welt sichtbar zu machen.

Wie aber kommt er zu dem vorliegenden Entwurf? Liegt hier reine Willkür vor oder eine innere Notwendigkeit? Das Programm heißt Erzengel in der Hölle. Was Folliet „Hölle“ nennt, das sind die Gefängnisse in Paris, die Kriegsgefangenenlager Cherbourg, Orleans und Chartres, die Einsamkeit und Ausweglosigkeit der Gefangenen, die Verzweiflung der zum Tode Verurteilten, die Not der Angehörigen, der Hass der Verfolger und Verfolgten, menschliche Zusammenbrüche und schließlich die vielen Hinrichtungen. All das sollte gegenwärtig sein.

Würde der Künstler eine Erschießung herausgreifen oder eine anderes Ereignis und es mit seinen Darstellungsmitteln schildern, dann wäre nur diese Begebenheit gegenwärtig.

Alle anderen aber, die zusammen die „Hölle“ ausmachen, wären ausgeschlossen. Der Bildhauer muss also ein neues „Wort“ finden, eine künstlerische Ausdrucksform, die alle Einzelheiten weglässt und nur das allen Ereignissen Gemeinsame zum Inhalt hat. Er kann nicht wie der Biograph oder der Filmregisseur, die mit dem zeitlichen Nacheinander des Geschehens ihre künstlerische Wirkung erzielen, die einzelnen „Höllenqualen“ schildern. Das würde eine Unzahl von Bildern erfordern. Es muss die „Hölle“ durch eine neue plastische Erfindung sichtbar machen.

 

Predigt von Pastor Johannes Arens im Sept. 1965 zur Errichtung des Franz-Stock-Denkmals. Er erklärt hier ausführlich die Bedeutung des Denkmals. Ein Text, der auch 50 Jahre später noch aktuell ist. Die ungeschnittene Originaltonaufnahme aus dem Nachlass des 2014 verstorbenen Pastor Arens wurde von Wilfried Drilling (Iserlohn) mit Bildern unterlegt und neu aufbereitet.

Er löst seine Aufgabe, indem er zwei hohe Schiefertafeln im Abstand von 1,5 m nahezu parallel zueinander aufrichtet. Das ergibt einen schmalen, hohen Schacht. Die Schiefertafeln aber wollen befestigt und getragen sein. Die Darstellung der reinen Funktion des Tragens und Stützens hätte eine ästhetisch befriedigende, „schöne“ Lösung erlaubt. Aber der Künstler geht einen Schritt weiter. Er bezieht das tragende Gestänge in die Gesamtkomposition ein, indem er es mit Kupfer ummantelt. Zu der rein statischen tritt die geistige Funktion: es wird zum Ausdrucksträger zu einem wesentlichen Element des Gleichnisses, durch das Wesen der „Hölle“ Gestalt gewinnt. Der enge Innenhof, der schmale hohe Schacht, der nur in unerreichbarer Höhe den Blick auf ein kleines Stück Himmel freigibt, die abweisende Kälte des harten, blauschwarzen Steines, das alles eingeengt und umstellt durch die schweren, senkrecht und waagereicht aufeinandergetürmten tragenden Elemente: Gleichnis der Vergitterung des Daseins, der Erniedrigung des Menschen, der wehrlos den Mächten der Finsternis ausgeliefert ist.

In eine dem Innenhof zugesandte Seite der Schieferplatten ist das Bild der Gefangenen eingeschnitten: „Köpfe und gekreuzte Arme, nicht Einzelschicksal, sondern ein Teppich von Not und Verzweiflung“ (Rikus), in dem der Einzelne untergeht; denn dem Martyrer unserer Tage ist das Zeugnis vor der Welt verwehrt.

Sein Leben wird versinken im Schweigen der Verschwörung gegen die Menschlichkeit.

Josef Rikus nennt in seinem Beitrag die Schiefertafeln „schützende Schilde gegen den Ansturm der Gewalten“. In der Ordnung des Kunstwerks, die ein Gefüge von Kräften und Bezügen ist, haben sie auch die Funktion, ohne in Widerspruch zu geraten zu der oben gegebenen Deutung.

Damit ist schon die erste, noch unbestimmte Formulierung für das Wirken Franz Stocks gewonnen. In der Inschrift und der Darstellung des Engels wird sie noch deutlicher ausgeprägt.

Der Erzengel ist eine mit Vollmacht ausgestatteter Bote. Er steigt herab in die Bedrängnis, um zu helfen und Kraft zu spenden. In ihm ist die Liebe Gottes anwesend. Selbst er ist umstellt von der schweren Vergitterung, die ihn behindert und einengt. Sein Kopf neigt sich herab; die Arme schaffen einen bergenden Innenraum, und die Hände öffnen sich, um zu schenken und aufzunehmen. Sie sind leer denn das Geheimnis der Kraft, die von ihnen und der ganzen Gestalt ausströmt, würde durch Gegenstände nur verstellt werden.

Das Ganze ist eine Einheit von Fläche und Raum, von Leeren und Vergitterung. Linien und Körper schneiden und stoßen sich, bereit zur Verwandlung, bis endlich die reine Form sichtbar wird: das Gleichnis der Unentrinnbarkeit und der Erlösung.

Man sollte das Denkmal von allen Seiten betrachten, sollte das Wachsen des Lichtes und der Schatten beobachten und sich immer wieder den Fragen stellen. Dann wird sich die Seele mit vielfältigen Erfahrungen füllen. Aus dem Erschrecken wird vielleicht eine Staunen über die außergewöhnliche Existenz Franz Stocks, die hier gleichnishaft gegenwärtig ist.

Denn in der Tat besteht ja die Aufgabe des Künstlers nicht darin, die Dinge darzustellen, wie alle sie sehen, sondern so, dass wir über sie erstaunen, als ob wir sie zum erstenmal wahrnähmen.
(Text von Johannes Arens)

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