Predigt von Pater Gabriel Nissim, OP
am Donnerstag, den 9. Mai 2002

Messe am Fest Christi Himmelfahrt (Lesejahr A)

übertragen per Eurovision
aus der Kirche St. Johannes Baptist in Chartres
aus Anlaß des 70.Jahrestages
der Priesterweihe von Abbé Franz Stock

Apg. I, 1-11 Epheser I,17-23 Math. XXVIII, 16-20

Ihr Brüder und Schwestern habt – dessen bin ich mir sicher - gewiß schon erlebt, daß ihr in bestimmten Augenblicken Eures Lebens ein intensives Glück empfunden habt, das Euch aus Euch selbst heraustrug, eine Freude, die Euch von allen Seiten her überströmte: zum Beispiel angesichts der Schönheit wie der des Frühlings; oder wenn ein vertrauensvolles Wort, ein ver-trauensvoller Blick sich an uns richtet; oder aufgrund der Gegenwart oder des Geschenks ir-gendeines Menschen. Ihr wißt das schon, wenn die Freude so sehr von uns Besitz ergreift, daß sie uns den Atem raubt, wenn wir keine Worte mehr finden, um zu sagen, wie glücklich wir sind ....
Nun gut ! Was uns dieses Fest sagt, ist, daß diese Freuden nicht Wirkung des Zufalls sind; sie sind nicht nur eine Oase inmitten der Wüste,

Sie sind ein Versprechen.

Denn diese Freude übersteigt alles; sie hat eine Quelle. Am Ursprung der Welt gibt es eine Quelle lebendiger Freude. Wenn wir schon fähig sind, einander solche Augenblicke der Freude zu schaffen, was wird dann für jeden von uns, für die ganze Menschheit, das Herz und die unvor-stellbare Liebe Gottes tun? Diese intensiven Augenblicke der Freude, die wir erleben konnten, sind nur ein Vorgeschmack des Jubels, der uns dann ergreifen wird, wenn wir an diese Quelle gelangen, die uns versprochen ist.
Trotzdem, wir haben es paradoxerweise gehört, ist uns gesagt: “Laßt es nicht dabei blei-ben, daß Ihr zum Himmel blickt!“ Warum? Weil man diese Freude heute, auf der Erde, braucht. Also sendet Christus uns aus. Wir sind berufen, seine Zeugen zu sein: Genau wie er sind wir im-stande, die Freude zu vervielfachen. Und es ist dringend! Seht doch: die Attentate dieser letzten Tage, die Ängste um unsere Lieben, ein Kind, das in Schwierigkeiten ist, meine Schwester oder mein Bruder krank, akut oder dauernd, Einsamkeit - so viele Dinge, die manchmal so schwer zu tragen sind. Das ist nun die Mission, die Christus uns heute anvertraut, eine Mission für jeden von uns: Euch gehen die Kinder an, denn Euer Lächeln ist eine Quelle der Freude; Euch die Al-ten, denn Eure Fröhlichkeit und Eure Sympathie sind Quellen der Freude; Euch die Frauen, Männer, Jugendlichen, Erwachsenen, Weißen, Schwarzen, Deutschen, Franzosen... Wir alle, je-der einzeln, haben diese großartige Mission: daß ich da, wo Traurigkeit herrscht, Freude bringe. Quellen der Freude öffnen, hier, jetzt, gleich!

Nun haben wir heute morgen an diesem Himmelfahrtsfest die Wahl getroffen, hier zu sein, nahe dem Grab von Abbé Franz Stock, weil der 9. Mai, wie Ihr wißt, auch das Fest Europas ist. Abbé Stock hat Freude gebracht in den dunkelsten Stunden unseres Europas, als es während der deutschen Besatzung von 1940 bis 1944 in den Nazismus versank. In der Hölle der Nazige-fängnisse hat er, der Deutsche, der deutsche Priester, allen Gefangenen eine lichtvolle Gegen-wart gebracht – einige unter uns waren dessen Zeugen.

Wer war Franz Stock?

Er wurde 1904 geboren. Er hat den 1. Weltkrieg von 1914 bis 1918 und seine für Deutsch-land schmerzlichen Folgen erlebt. Und trotzdem hat er von Jugend an Frankreich und die Fran-zosen geliebt. Er hat Deutschland, sein Vaterland, mit einer tiefen und klarsichtigen Liebe inten-siv geliebt – er verachtete den Nazismus. Er hat auch, in einer Art spontaner Verwandtschaft, Frankreich intensiv geliebt. Wie Ihr seht, ist eine echte Liebe zu seinem Vaterland niemals eine ausschließende Liebe. Im übrigen, das wissen wir, schließt eine wahre Liebe nicht aus: im Ge-genteil, sie ist immer Quelle der Liebe zu den anderen. Das ist sogar eines der Kriterien wahrer Liebe: Sie treibt uns dazu, auch die anderen zu lieben. Wenn es nicht so wäre, würde es sich um Egoismus zu zweit oder zu mehreren handeln.

1940 kehrt Franz Stock nach Paris zurück – er war dort schon 6 Jahre vor dem Krieg Pfar-rer der Katholischen Deutschen Gemeinde gewesen. Und da ernennt ihn die Führung der deut-schen Besatzungsmacht zusätzlich zum Geistlichen für die Pariser Gefängnisse, in denen Wider-standskämpfer, Geiseln und Gefangene jeder Art zusammengepfercht sind. Er wird sie begleiten. Trotz der Risiken bemüht er sich, die Verbindungen zu ihren Familien zu bewahren: Er bringt dem einen Gefangenen einen Löffel, dem anderen ein Buch, dem dritten einen Kamm oder eine Zahnbürste oder auch Zigaretten, die er in einem alten Brevier, das zum Versteck umfunktioniert worden ist, verbirgt.

Und vor allem begleitet er mehrmals in der Woche diejenigen zum Mont Valérien, die dort erschossen werden sollen. So sind es Hunderte von Widerstandskämpfern, deren Leiden er bis zum Ende teilen wird. Ja, er hat sie alle begleitet: die an den Himmel glaubten, indem er mit ih-nen betete, wie Estienne d´Orves, den katholischen Adligen, und die nicht an ihn glaubten, wie Gabriel Péri, den kommunistischen Arbeiter, indem er ihnen im letzten Augenblick jenseits der Gewehre ein brüderliches Antlitz zeigte.

Dann, 1945, ist er hierher nach Chartres gekommen. Nun selbst ein Gefangener, hat er das „Seminar hinter Stacheldraht“ geleitet, das zwei Jahre lang von 1945 – 1947 deutsche Theo-logiestudenten, allesamt Kriegsgefangene, ausbildete, indem er ihnen den Geist der Versöhnung und des Friedens einhauchte. Einer dieser Seminaristen ist heute als Priester mitten unter uns. Franz Stock hat wahrhaft geweint mit den Weinenden, bis zum Ende. All dies hat ihn aufgezehrt und ist wohl ein Grund dafür, daß er im Februar 1948 mit 43 Jahren in Paris als Kriegsgefange-ner gestorben ist.

So war Franz Stock über die nationalen Grenzen, über die Grenzen von Gewalt und Krieg hinweg, Zeuge Christi. Darum ist er auch ein Grundstein für das heutige versöhnte Europa ge-worden, versöhnt nicht durch Worte oder Ideen, sondern durch Gesten, durch eine geschenkte Freude, durch ein geschenktes Leben.

So bin ich froh, hier heute, unsere deutschen Freunde herzlich zu begrüßen (deutsch ge-sprochen) – ich bin glücklich, hier heute morgen unsere deutschen, zahlreich erschienenen Freunde begrüßen zu können: denn wenn es heute eine europäische Brüderlichkeit, und zu-nächst die zwischen Franzosen und Deutschen, geben kann, dann darum, weil in den schlimms-ten Augenblicken Frauen und Männer wie er, gläubige und ungläubige, gehofft, Widerstand ge-leistet, sich entgegen dem herrschenden Zeitgeist verbrüdert, ihr Leben hingegeben haben. Wie es einer seiner deutschen Jugendfreunde gesagt hat:“ Franz Stock hat gelebt und ist gestorben für die französisch-deutsche Versöhnung. Er ist mit 43 Jahren gestorben, ohne zu wissen, daß er gewonnen hatte.“

Wir heute aber, wir wissen es.

An diesem Fest Europas wissen wir, daß Friede stärker sein kann als Krieg.

Und an diesem Fest der Himmelfahrt wissen wir europäische Christen, daß Christus bis an die Enden der Erde aussendet; denn die Liebe Gottes kennt keine Grenzen.

Er sendet uns aus, um das Licht auch in der Finsternis aufblitzen zu lassen.

Er sendet uns aus, damit wir „ da, wo Traurigkeit herrscht, Freude bringen“.

Damit schon jetzt die Freude Gottes auf unser Europa, auf unsere Erde überspringe.

Alleluja !