Rundschau am Sonntag 8.10.1998

Abbé Franz Stock, deutscher Priester im besetzten Paris, gab Trost in den Folterkellern der Gestapo und begleitete Hunderte von Widerstandskämpfern und Geiseln in den Tod. Er lebte für die Aussöhnung und starb mit 44 Jahren, ohne zu wissen, dass er gesiegt hatte.

Die Nachricht kommt am Sonntag Nachmittag per Telefon: "Morgen um halb vier Sportfest." Der Code ist ebenso makaber wie grausig und bedeutet, dass es im Morgengrauen Hinrichtungen geben wird. Aber diesmal sind es nicht acht oder zwölf Männer, die erschossen werden sollen. Diesmal sind es hundert.

Begeleitet werden sie auf ihrem letzten Weg von zwei Geistlichen: von Theodor Lövenich, seit September 1941 "Kriegspfarrer" in Paris, und von Franz Stock, der bis Kriegsausbruch Seelsorger der dortigen deutschen Gemeinde war und seit der Besetzung der französischen Hauptstadt dort Standortpfarrer ist. Zu den Pflichten der beiden Geistlichen gehört unter anderem die Betreuung der politischen Gefangenen und Geiseln in den Haftanstalten Fresnes und Cherche-Midi.

An diesem Morgen fahren sie beide mit den Verurteilten hinaus zur 18 Kilometer entfernten Hinrichtungsstelle auf dem Mont Valérien. Die meisten Gefangenen starren wie versteinert vor sich hin. Andere beten. Einige weinen. Die Priester putzen den Gefesselten die Nase, helfen ihnen von den Ladeflächen der Lastwagen, heben sie auf, wenn sie - unbeholfen ob ihrer Fesseln - auf dem glatten Weg bergauf stürzen, fesseln sie häufig selber an die Pfähle, um ihnen die Grobheiten des Wachpersonals zu ersparen.

Eine Zigarette, noch ein kurzes Gebet, eine Umarmung, verbunden mit dem Versprechen, die Angehörigen zu benachrichtigen und letzte Grüße auszurichten. Dann verbinden die Priester den Todgeweihten die Augen und treten zurück. Wenig später zerreißt eine Salve aus 36 Gewehrläufen die morgendliche Stille.

"Denn die christliche Lehre ist nicht damit zufrieden, die Feinde nicht zu hassen und sie wie Brüder zu lieben; sie verlangt auch, dass wir ihnen Gutes tun nach dem Vorbild des Erlösers." Benedikt X

In Abbé Stocks Tagebuch lesen wir immer wieder Eintragungen wie diese:
"Am 20. September zwölf Hinrichtungen (Geiseln).
Am 17. Oktober eine Hinrichtung (Vater von fünf Kindern).
Am 14. Dezember 82 Hinrichtungen (Geiseln)."

Allein im Winter 1941/42 finden etwa 500 Hinrichtungen statt. Und immer ist Abbé Stock anwesend; er tröstet die Tobenden, streichelt die Stillen und weint mit den Weinenden. Er hört Beichten und spendet die Sterbesakramente, liest Menschen mosaischen Glaubens aus dem Alten Testament vor (Rabbis gibt es natürlich keine mehr) und versucht verzweifelt, auch jene zurückzuholen, die von Gott nichts mehr wissen wollen. Häufig misslingt es; oft schmähen die Männer ihren Schöpfer und streben mit dem Namen Lenins auf den Lippen.

Vom Juli 1942 an wartet Abbé Stock dann in seiner Kammer in dem alten Mietshaus in der Rue Lhomond 21 alleine auf das nächste fällige "Sportfest". Pfarrer Lövenich ist nach Russland strafversetzt worden. Stock, schwer herzleidend, schreibt an einen Freund: "Ich meine oft, ich könnte nicht mehr. Was ich hier erledige ist so furchtbar, dass ich nächtelang schlaflos liege."

Dabei hatte weder er noch jemand anders ahnen können, welches Schicksal dem kleinen Franz beschieden war, der am 21. September 1904 als ältestes von neun Geschwistern als armer Leute Kind in Neheim-Hüsten geboren wurde. Aber er wurde gefördert, machte sein Abitur, studierte unter anderem in Paris Theologie und wurde 1932 zum Priester geweiht.

Der zweite Weltkrieg lag da noch in weiter Ferne. 1926 war der Friedensnobelpreis an den deutschen Außenminister Gustav Stresemann und seine Kollegen, den Franzosen Aristide Briand und den Briten Austen Chamberlain, verliehen worden. Und unter dem Motto "Friede durch die Jugend" stand auch das größte Friedenstreffen nach dem ersten Weltkrieg, das im gleichen Jahr in Bierville bei Etampes (rund 60 Kilometer südlich von Paris) stattfand.

Initiator dieser Begegnung war der ehemalige französische Frontoffizier, Publizist und christlich-demokratische Politiker Marc Sangnier. 5000 junge Menschen strömten nach Bierville. Zu den 500 deutschen Teilnehmern zählte auch der 24 jährige Franz Stock.

In diesem Sommer begann er, Frankreich und die Franzosen zu lieben, die Sprache zu lernen (was nicht einfach war für seine schwerfällige westfälische Zunge) und seinen Vorsatz zu verwirklichen, in Paris zu studieren.

Von besonderer Wichtigkeit für ihn ist die Begegnung mit Joseph Follier, einem führenden Laien der französichen Jugendbewegung, der ihn in die Gemeinschaft der "Gefährten des hl. Franz" einführt. Später dann - kaum zum Priester geweiht - wird Stock Kaplan einer Arbeiterpfarrei in Dortmund, aber schon zwei Jahre später wird er gefragt, ob er nicht Seelsorger der deutschen Gemeinde in Paris werden wolle. Ohne zu zögern sagte er zu.

" Ich war im Gefängnis, und Du hast mich besucht. " Bergpredigt

Dann kommt der Krieg. Der junge Kaplan muss zurück, trifft aber kurz hinter den deutschen Truppen wieder in Paris ein. In einem Paris über dessen Dächern nun die Hakenkreuzflaggen wehen, und wo sein Leben eine dramatische Wende nehmen soll.

Erst einmal gerät er zwischen alle Fronten. Die Franzosen nennen den blauäugigen Blonden zunächst verächtlich einen "Nazi-Boche", die schlimmste aller denkbaren Beleidigungen, die Gestapo ihrerseits und die mit ihr zusammenarbeitenden französischen Milizen verwehren dem Priester, der sich konstant weigert, die Uniform des Militärseelsorgers anzuziehen, zunächst den Besuch der politischen Gefangenen, müssen aber nach dem Protest des deutschen Botschafters nachgeben. Dennoch bleibt ihr Argwohn gegenüber dem "Franzosenfreund" bestehen.

Nicht ohne Grund: Der anfangs von den meisten Häftlingen abgelehnte "Boche" wird schon nach kurzer Zeit zu ihrem Vertrauten. Er schmuggelt Kassiber in die Zellen und Botschaften an die Angehörigen hinaus, besorgt frische Wäsche und Lektüre, Zigaretten und Süßigkeiten und leistet - was für die meisten das Wichtigste ist - den Hoffnungslosen und Verzweifelten seelischen Beistand.

Und er ist ebenso listig wie mutig. Edmond Michelet, später französicher Armee- u. Justizminister, ein Schwager de Gaulles, erinnert sich, wie Abbé Stock die deutschen Wachen in Fresnes überlistete, wo Michelet eingesperrt war:

"Dieser deutsche Priester versah sein Amt mit unglaublicher Freundlichkeit, mit Takt und Nächstenliebe. Als er mich verließ, schob er mir eine Bibel zu, die P. Maydieu, ein treuer Freund und nicht minder treuer Mitverschworener, ihm für mich mitgegeben hatte; er versprach mir, nächste Woche wiederzukommen. Dann tat er, als ob er weggehen wollte, aber - zurückkehrend - flüsterte er mit noch leiserer Stimme: "Wir wollen zusammen ein letztes Ave Maria sprechen."

Wir hatten uns hingekniet und drehten dem Feldwebel den Rücken zu. Er fuhr mit der gleichen Stimme fort:"Ave Maria, gratia plena ... Ihre Frau hat mich gestern aufgesucht; es geht ihr sehr gut und den Kindern auch ... Dominus tecum ... sie lässt Ihnen sagen, sie sollen sich keine Sorgen machen, es geht alles gut zuhause ... benedicta tu in mulieribus."

Eine wichtige Botschaft, denn die Gestapo hatte den Häftling glauben lassen, seine Frau befinde sich als Geisel in ihrer Gewalt. Nun, da er wusste, dass sie in Sicherheit war, konnte er mit größerer Gelassenheit dem nächsten Verhör entgegensehen.

Doch die Hinrichtungen gingen weiter, und ihre Zahl steigerte sich auf erschreckende Weise nach der Landung der Alliierten in der Normandie. An die viertausend Gefangene sind während der Besatzungszeit in Paris erschossen worden, und die meisten hat Abbé Stock in den Tod begleitet.

Irgendwann hat er schließlich aufgehört zu zählen.

"Herr, mache mich zum Werkzeug Deines Friedens
Lass mich Liebe schenken, wo Hass ist
Lass mich vergeben, wo Schuld ist
Lass mich verbinden, wo Zwietracht herrscht
Lass mich Glauben bringen den Zweifelnden
Lass mich Hoffnung bringen den Hoffnungslosen
und Freude denen, die traurig sind "
Franziskus von Assisi

Und dann ist der Krieg aus. Wenigstens in Frankreich. Abbé Stock wird - bizarr genug - beauftragt, in einem Kriegsgefangenenlager bei Chartres ein Priesterseminar aufzubauen. Bald sind ihm 500 Studierende anvertraut. Deutsche und französische Bischöfe kommen zu Besuch und bestaunen das Experiment. Der apostolische Nuntius Roncalli, der spätere Papst Johannes XXIII. , lässt sich gleich mehrfach sehen und auch viele Häftlinge, die der Abbé einst betreut hat.

Als Stock 1947 an seinem schweren Herzleiden stirbt, wird er zunächst in einem armseligen Reihengrab auf dem Pariser Friedhof Thiais beigesetzt. Keine Zeitung darf über seine Beisetzung berichten. Erst langsam setzt sich im Bewusstsein der Franzosen durch, wer dort bestattet wurde. 1951 wird der Tote feierlich umgebettet. Diesmal sind Minister und Bischöfe anwesend, als ein großer Gedenkstein enthüllt wird. Aber noch immer hat Franz Stock seine letzte Ruhestätte nicht gefunden.

1963 werden seine sterblichen Überreste in die neu neu erbaute Kirche Saint Jean Baptiste in Rechêvres bei Chartres überführt, und 30 Jahre später wurde in der dortigen Kathedrale in französicher und deutscher Sprache die Bitte vorgetragen, den Abbé Stock selig zu sprechen.

Die einstige Hinrichtungsstätte auf dem Mont Valérien im Pariser Vorort Suresne heißt inzwischen Place de l'Abbé Franz Stock, doch nichts kann den "Erzengel der Hölle", wie ihn die Häftlinge in Fresnes nannten, mehr ehren als das, was ihm ein ebenfalls in Fresnes eingesperrter Konfrater an seinem Grab nachgerufen hat:

"Franz, kleiner Bruder Franz, als Du zum erstenmal in die Zelle kamst, trugst Du Christus auf Deinem Herzen, um ihn mir zur Nahrung zu bringen, und Du trugst den Geist Gottes in Dir, um mir Frieden zu schenken. Ich habe Dich umarmt und gesagt: "Du bist mein Bruder! In der deutschen Hölle habe ich jene Freude gespürt, die uns die Gestapo-Henker nicht haben nehmen können."