Helmut Kohl, Bundeskanzler
Ein Brückenbauer zwischen Deutschland und Frankreich
Zum 50. Todestag von Abbé Franz Stock / von Helmut Kohl (1998)

Wer ihm begegnete, behielt ihn in dankbarer Erinnerung. Der Deutsche Priester Franz Stock, der von 1934 bis zu seinem Tode in Frankreich wirkte, hat sich in das Gedächtnis unzähliger Menschen aus Deutschland und Frankreich – Flüchtlinge, Häftlinge, Kriegsgefangene – eingeprägt, denen er in schwerer Stunde Trost spendete.

Als Seelsorger der deuschen katholischen Gemeinde in Paris, als Gefängnispfarrer und schließlich als Leiter des Priesterseminars in dem Kriegsgefangenenlager bei Chartres widmete er sich der deutsch-französischen Verständigung und Versöhnung. An das Wirken des Abbé Stock, der vor 50 Jahren in Paris starb, wird an diesem Dienstag mit einer Feier vor seinem Haus in der Rue Lhomond in Paris gedacht. Den "Brückenbauer zwischen Deutschland und Frankreich" würdigt Bundeskanzler Kohl, der am 1. März an einem Gedenkgottesdienstes zu Ehren Stocks in der Kathedrale von Chartres teilnehmen wird.

In diesem Jahr gedenken wir des 50. Todestages von Abbé Franz Stock – einer jener herausragenden Persönlichkeiten, ohne deren ermutigendes Vorbild das größte Werk der deutsch-französischen Freundschaft nicht möglich gewesen wäre.

Franz Stock ist für mich einer der großen Brückenbauer zwischen Deutschen und Franzosen, weil er ein Beispiel dafür gab, Haß und Feindschaft durch gelebte Menschlichkeit zu überwinden. Deutsche und Franzosen haben allen Grund, sein Andenken dankbar in Ehren zu halten. Ich werde den Dank als deutscher Bundeskanzler auch dadurch zum Ausdruck bringen, daß ich am 1. März 1998 an einem feierlichen Gedenkgottesdienst in Chartres zu Ehren von Franz Stock teilnehmen und an seinem Grab einen Kranz niederlegen werde.

Schon lange vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges war Franz Stock von der Notwendigkeit eines engen Miteinanders Zwischen Deutschen und Franzosen überzeugt. Bewußt entschloß der Sauerländer sich, einen Teil seines Studiums in Paris zu verbringen. In der damaligen Zeit war dies für einen jungen Studenten der katholischen Theologie ein äußerst ungewöhnlicher Wunsch. Nach 1934 leitete er als Seelsorger viele Jahre lang die deutsche Gemeinde in der französischen Hauptstadt.

1941 wurde Franz Stock zum Gefängnispfarrer im besetzten Paris ernannt. Er hat dort bis in das Jahr 1944 weit über tausend Franzosen, die zur Hinrichtung geführt wurden, auf Ihrem letzten Weg betreut. Sein Tagebuch legt ein erschütterndes Zeugnis vom Schicksal der Franzosen ab, die in der Rèsistance für die Befreiung ihres Vaterlandes gekämpft hatten und dafür mit ihrem Leben bezahlten.

Inmitten des Krieges wandte sich Stock gerade jenen Menschen zu, die von den Nationalsozialisten erbittert als Feinde verfolgt wurden. Stock half den Inhaftierten, wo er nur konnte. Er stellte heimlich Kontakt zu den Angehörigen her, versorgte die Gefangenen mit Büchern, sprach ihnen Trost zu und bereitete sie auf ihren schweren Gang vor – gleichgültig ob sie Christen, Juden oder Atheisten waren. Für ihn zählte allein die Menschenwürde.

Nach der Befreiung Frankreichs betreute er deutsche Kriegsverwundete und Kriegsgefangene. Die Erfahrungen des Krieges hatten seinen Willen noch bestärkt, für die Verständigung zwischen Franzosen und Deutschen zu arbeiten. In diesem Geist übernahm Stock die Leitung eines Priesterseminars in einem französischen Kriegsgefangenenlagers bei Chartres.

Franz Stock mag kein politischer Mensch gewesen sein, aber er war sich der politischen Bedeutung seines Handelns sehr wohl bewußt. Er kannte die Abgründe, die Nationalsozialismus und Haß – nicht zuletzt die Lüge von der Erbfeindschaft – zwischen unseren Völkern aufgerissen hatten.

Wegen seines Engagements für die Menschen, für Versöhnung und Freundschaft wird Stock in Frankreich und Deutschland von vielen Menschen gleichermaßen verehrt. Auch in den Dunkelsten Stunden Europas setzte er Zeichen der Hoffnung. Wer hätte das damals zu Träumen gewagt, daß die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich eines Tages zum Motor des Europäischen Einigungsprozesses werden würde? Staatsmänner wie Konrad Adenauer oder Robert Schuman haben mit weitsicht und Entschlossenheit den Weg bestritten, den Menschen wie Franz Stock durch Ihr persönliches Wirken gewiesen und eröffnet haben.

Wenn in der heutigen Zeit nach Substanz und Perspektive des deutsch-französischen Verhältnisses gefragt wird, dann gilt nach wie vor, was Konrad Adenauer bereits früh erkannte: "Das Schicksal Deutschlands wird das Schicksal Frankreichs sein, und das Schicksal Frankreichs wird das Schicksal Deutschlands sein." Leben und Werk Franz Stocks verkörpern auf bewegende Weise diese Schicksalsgemeinschaft. Sein Vermächtnis ist eine Botschaft für die Zukunft: Auch an der Schwelle zum 21. Jahrhundert hängt eine gute Entwicklung unseres Kontinents, hängt ein immer engeres Miteinander der Völker im Zeichen von Frieden, Freiheit und Partnerschaft wesentlich vom vertrauensvollen Zusammenwirken Deutschlands und Frankreichs ab.

Die Erinnerung an Franz Stock hilft uns und vor allem auch den kommenden Generationen zu verstehen, daß die deutsch-französische Freundschaft, wie die in den vergangenen 50 Jahren gewachsen ist, sich nicht von selbst versteht. Sie ist uns als kostbares Gut anvertraut. Wir wollen sie bewahren und pflegen.